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Absturz600px

Wenn du seit einem Vierteljahrhundert fliegst und alle Arten von Ereignissen schon hinter dir hast, weil du an ihnen vorübergegangen bist wie an einer unsichtbaren Grenze, einer Erfahrung, die du wahrnimmst, aber liegen lässt, dann glaubst du gefeit zu sein, quasi halb-unsterblich, unfallfrei für den Rest deines Lebens.

Was für ein arroganter Irrtum! Mein Irrtum basierte auf meiner Erfahrung, der Intensität meines Fliegens, aber gleichzeitig der Ablehnung von Extremsituationen, ja geradezu der Leugnung ihres Vorhandenseins in MEINEM fliegerischen Leben. Ich vermied solche Momente durch meine sehr aufmerksame Art des Steuerns, ich ließ meinen Schirmen nie den Spielraum, sich in wilder Luft ungehörig zu benehmen. Ich vermied Situationen durch aktives Steuern und bewusst gewählte Flugtage und Flugrouten. Wobei mein Spielfeld nicht zuhause lag, sondern mein Zuhause der ganze Planet war. Dadurch wog für mich die erhebliche Erfahrung, die ich in tausenden Flügen angesammelt hatte, viel mehr.

Andererseits gab es nirgends wirklich ein Gebiet, welches ich 1000% kannte, außer vielleicht ganz zuhause. Es gab ja überall immer Irgendetwas zu wissen über eine Stelle X oder Y, die auch der erfahrenste Besucher nur ahnte, trotz all seiner Erfahrung. Meine Ahnungen konnten trügen, irgendwann und sie konnten niemals echtes Wissen ersetzen. Ich war zu arrogant und zu bequem, jeweils die Leute vorort zu befragen, die „ihren“ Platz besser kannten als ich, der Besucher. So war es überall. Und ich wurde dadurch abgestraft, das ich stets schlechter flog als sie, weniger Kilometer zurücklegte und öfter in Relief-Fallen tappte, die ich mit links zu meistern glaubte. Immerhin zwangen sie mich jeweils nur zu frühen Landungen, nicht mehr.

Ich flog wie selbstverständlich die oberste Kategorie, auch wenn ich mit dem einen oder anderen Detail nicht einverstanden war, es nicht verbessert hatte aus Selbstgefälligkeit. So flog ich am Tage des Ereignisses nicht den idealen Schirm, der in mir ein perfektes Bauchgefühl hinterlassen hätte und ich flog ihn vielleicht 6-8 kg zu leicht. Vielleicht hätte er nachgetrimmt gehört nach zwei Jahren, wie es so üblich ist. Vielleicht hätte ich zuvor meinen Favoritenschirm, den ich zwei Jahre geflogen hatte, nicht in Indien verkaufen dürfen, für ein Trinkgeld.

Vielleicht hätte ich – trotz meiner „ungeheuren“ Erfahrung, einmal wenigstens ein bisschen über einen See gehen sollen, mit meinem Schirm und ihn dort an seinen Grenzen kennenlernen, wo ich ihn gar nicht kennenlernen wollte. Ich sagte mir dazu immer, das brauchst du nicht, du hast ihn ja in der Not im Griff. So gut im Griff, das du ihn niemals aufgeben musst, und die Rettung suchst!

Vor wenigen Frühlingstagen habe ich diese technischen Grenzen des Himmels erleben dürfen. Wie ein Spiegel zerbrach hier der Spiegel meines Selbstbewußtseins. Nicht ein Stein schlug in ihn hinein, sondern ein Schirm, den ich nicht mehr beherrschte. So eine Überraschung. So ein Schock.

Es war ein eigentlich bei mir überfälliges Ereignis. Wenn ich mich zurückbesinne, habe ich in 25 Jahren Fliegen vier Mal die Rettung gesehen, davon ein Mal unabsichtlich nach dem Start durch Fehlauslösung, ein Mal auf der Flucht vor einem Gewitter, ein Mal  in einem Sicherheitstraining und ein Mal im Lee ohne Landemöglichkeit.

Während meines schrägsten Ereignisses, einer Kollision mit einem Tandemdrachen, der mir die Vorfahrt am Hang genommen hatte, gingen wir beide ohne Rettung in den Wald. Unverletzt am Waldboden nach 400 Meter Fall! Zu spektakulär als Ereignis, um hier eine statistische Rolle in meinem Leben zu spielen außer bei der Bewertung des eigenen Selbstbewußtseins….
Seit dem letzten Mal (2002) der bewußten, durch äußere Umstände erzwungenen Auslösung meines Notschirms, habe ich fortan die Situation (Lee, Turbulenz, Gewitter, Starkwind) bis zur Notlandung ohne ihn gemeistert – mit jedem unterschiedlichen Gleitschirm, den ich dabei flog.

So ging ich in mein mentales Gefängnis, in mein mentales Verhängnis.
Am Mittwoch, den 17. April befand ich mich auf Streckenflug im Schweizer Jura, nach einem perfekten Start vom Niederwiler Stierenberg an einem Tag mit zunächst deutlicher Inversion, die allmählich von aufkommender S-Lage ausgehebelt wurde. Es zeigten sich nur wenige Cumulus auf etwa 1800m Basishöhe, welche teilweise schnell wieder auflösten. Die Thermiken schossen einige Male relativ robust bis radikal in die Höhe, gut nach NW versetzt.

Ich startete also gegen 11h 45 entspannt und ganz Herr der Lage an meinem Hochleistungsgleiter Richtung Süden. Mehrere Piloten befanden sich ganz in meiner Nähe und entsprechend meiner vorbeugenden Flugtaktik, zog ich es vor, den jeweiligen Bart immer mit Resreve zu verlassen, während meine „Kollegen“ sich nach hinten versetzen liessen, ohne wirklich etwas, außer Respekt vor dem Relief, dabei zu gewinnen.

Ich gewann den Eindruck, das mir diese drei Piloten allmählich vertrauten und auf ihrer Route meine Erfahrung im Bart suchten. Ein schwarzroter Zweier von Niviuk, ein gelbroter Mentor und ein ähnlichfarbiger Delta von Ozone wurden da geflogen. Tendenz klassischer Zielrück zum Chasseral.

Jedenfalls sah ich sie bald stets zu mir herkurbeln und ähnlich früh den Bart verlassend. Kurz vor Biel dann, ist es passiert, und zwar an einer wirklich dummen Stelle, etwa 220 m über Grund (unter mir ein Buchenwald).

14h 16, 42 Sekunden. Es war der abrupte Schlag eines seitlichen Rotors, welcher die linke Seite nach rechts zusammenfallen ließ, mich nach rechts aufschaukelte, wobei ich die Bremse der rechten Seite in einem Minibruchteil Sekunde durch fehlendes Gleichgewicht überzog und damit den Schirm in eine unheilvolle  Rückwärtsdrehung zwang. Im Rotor.

14h 16, 51 Sekunden. Nur wenige Sekunden der Überraschung und Reaktion blieben mir, bevor mein Gerät dreifach vertwistete. Es tauchte in voller Fahrt unter mich und nahm mit 10.5 Meter /Sekunde Abwärtsfahrt auf, wobei die Kappe gleichzeitig versuchte, daraus auszubrechen. Herumgeschleudert durch die Gewalt der Bewegung, versuchte ich klaren Kopf zu behalten und eine Weile, aus dem Twist rauszukommen. Doch es gelang mir nicht, während der Boden sich rasant näherte. Die Zeit gefror.

14 h 17, 04 Sekunden Was habe ich übersehen? Was habe ich falsch gemacht? Oder war es nur einfach statistisch an der Zeit, eine Lektion zu erhalten? Meine Erinnerungen liefen in voller Fahrt ab. Nach so vielen Jahren eine andere Entscheidung treffen als das gewohnte „du kriegst ihn stabilisiert, du bist doch so gut, so erfahren“, war ein Schock. Mein Bauch und mein Gehirn unterhielten sich. Ein sehr kurzes Streitgespräch mit resignierendem Ergebnis. Lektion! Entscheide anders als gewohnt und du überlebst! Aber wie setze ich das um.

14h 17, 13 Sekunden.  Aus den Augenwinkeln gelang es mir, den Untergrund zu analysieren. Im Buchenwald gab es doch tatsächlich einen Forstweg. Würde es mir noch rechtzeitig gelingen, dorthin zu steuern? Gottseidank fliege ich eine kleine, schnelle Rettung, die extrem kurze Öffnungszeiten hat, leicht und locker gepackt ist. Es ging um eine Sekunde: 14h 17, 18 Sekunden.

Würde ich jetzt zu früh ziehen, ginge es mit Sicherheit in die Buchen und ich ahnte, das diese zu brüchig wären und mich nicht aushalten würden nach dem Einschlag, ich ohne meinen Retter nutzen zu können aus 20m herunterfallen würde! Das aber hieße, mindestens ein paar Wirbel brechen und ich bin doch allein in meinem Job. Wenn ich ins Krankenhaus müsste, würde das wirtschaftlich ein böses Finale bedeuten: No Money, da keine Ausfallversicherung. 14h 17, 20 Sekunden.

Also noch eine Sekunde warten und eine Stelle genau über dem Wald erreichen, von wo mich die Rettung vertikal auf den Waldweg hinab tragen musste. Würde dieses Kalkül aufgehen? Keine Winddrift mehr. 14h 17, 23 Sekunden. Auf 70 Meter vom Boden ziehe ich den Rettungsfallschirm.

Mein Annular Evo steigt sofort über mich – rasend schnell, sauber, perfekt. Ein Wunder? Oder deshalb, weil ich ihn locker gepackt hatte, und er nicht in seine Füllung unter dem Gurtzeug hineingepresst war. Kein zweimal Ziehen, sondern ein gleichmäßiger Ruck aus dem Oberarm. Ein Schwung, ein Zug – ins Überleben. Ich spür mit Erleichterung, was geschieht.

Und fange sofort auf der anderen Seite an, meinen Hauptschirm heranzuziehen, an einem Haupttragegurt, den ich mit Krafteinsatz zu Greifen bekomme. Komm her, Miststück. Um 14h 17, 26 Sekunden

Es klappt fast 100%, da ich den Hauptschirm in der kurzen Zeit nicht mehr völlig an mich heranbekomme, er steht ab und sinke ich in einer Lage von geschätzten 80-85 Grad unter der Rettung, die auch minimal absteht und streife den Stamm einer Buche mit dem Kopf. Aua. Blackout.
14h 17, 28 Sekunden. Aber der restliche Absturz verlief tatsächlich nach Plan meiner Schutzengel. Oder war es die locker gepackte, gut belüftete Rettung? War es meine schnelle Reaktion? Waren es alle Faktoren? Was war es mehr……

Einschlag. Ganz weich, ganz sanft. Film Ende. 14h 17, 35 Sekunden.

Ich habe Grundberührung im weichsten Teil des Waldhanges etwa 1 Meter vom Waldweg. Neben mir liegen Rettung und Hauptschirm. Als ob ich mich hierher mit allem hingelegt hätte. Wie ein Picknick im Wald, wie eine Demo der eigenen Ausrüstung. Wenn jetzt doch Jemand käme…wie peinlich. Aber ich bin weit von allem. Wäre ich verletzt, würde es lange dauern.

Eine knappe Viertelstunde liege ich völlig benebelt auf dem Weg, dann rapple ich mich hoch.  Zwei große Äste muss ich aus der Rettung entfernen, das ist Alles. Meine Ausrüstung hat nichts abbekommen. Ich packe langsam, ganz langsam, ganz wie in Trance meinen schweren Rucksack zusammen und marschiere los. Während ich laufe, bildet sich dichter Nebel in meinem Kopf, mein Gedächtnis ist wohl durch die Gehirnerschütterung eingetrübt. Ich erreiche erschöpft und verwirrt bei Romont einen Bauernhof und zeige den Leuten mein Handy mit den letzten Kontakten darauf. Ich erkläre in stotterndem Französisch, um was es mir geht. Eine Frau versteht mich und ergreift das Telefon. Sie ruft an. Erklärt. deutet. Ich lehne an der Wand der Hauses, hole tief Atem, meine Sicht flimmert.  Was ist passiert? Keine Ahnung. Alles, Raum, Zeit, Wirklichkeit verschwimmen. Nur eine Stimme bleibt. Es ist Marco, der mich an der Schulter fasst, mich abholen kommt….ich bin gerettet. Weil ich eine Entscheidung getroffen habe. Nur weiß ich es nicht mehr. Aber es wird zurückkommen und mich nicht mehr verlassen.