Venezische Hügel

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Der italienische Alpensüdrand ist im Frühjahr, Herbst und Winter sehr beliebt. Aber er ist vom Schlechtwetter nicht verschont. Abseits des Sit & Fly versprechen einige Hügelgruppen im Süden Veneziens zwischen Vicenza und Padua eine Schönwetter-Alternative für Individualisten.

Mobiles Fliegerleben diesseits und Jenseits von Vicenza

Schon wieder ein mißratener Frühling! Ostern Wasser satt. Fürs Einsammeln der Ostereier werden Gummistiefel und Taucherbrille benötigt. Schwimmfloßenverleih durch die örtliche Flugschule – alle Freizeitsportler stapeln sich um die bekanntesten Flugzentren zwischen Lago Maggiore und Slowenien in den nächsten Kneipen. Aus Landebier wird Aushaltebier. Londoner Themse – Nebel oder Nieselregen garnieren die Aussichten. Die Bäuche sind voll von der dritten Pizza, dem vierten Grappa und dem x-ten Tiramisu. Was sonst tun? Die Labtops und Smartphones sind aktiv und suchen vergeblich nach Sonne. Doch, gewiss, sie scheint immer – nur eben über den Wolken!

Statt Dolce vita x thermica pura heisst es daher  „aqua fredda porcheria!“

Die wenigen Ausflüge in den Aufwind sind Suchspiele im Wolkendeckel…huhu, Vorflieger, wo bist du? Nur Wenige wissen, daß auch ein Italientief seine Grenzen hat. Aber dies verlangt flexibles Denken und eine gewisse Mobilität. Denn die Adriabrise setzt oft schon im März ein und je nach Stärke vertreibt sie vom Boden her, den Wolkendeckel nach Norden zurück – trotz meist gegenteiliger Vorhersage. Zumindest ist das die Theorie unter Profis.

Zu Viert sind wir diesem Phänomen entgegengefahren. Mal sehen, wo es 2013 anfängt. Es müssen ja nicht die Alpen sein, nur einfach Sonne und ein bißchen fliegen. Danach macht das kulturell und kulinarisch so grandiose Venetien halt noch mehr Spaß!

Das Rezept ist einfach, aber verlangt eine gewisse Kenntnis des Italienischen. Mit der Volo Libero Landkarte in der Hand und dem GPS in der Anderen. Dann nur noch Leute fragen, fragen, fragen….

Unser erster Ausflug auf der Suche nach einem Hügel im Soave-Gebiet namens Marcoio wird zum Suchspiel und wir enden in einer aufgelassenen Nato – Basis, das Gestrüpp nach Startflächen durchwühlend, während zwei Wanderer sich kopfschüttelnd über uns unterhalten.

Na gut, Fehler passieren!
Wir kreuzen die Autobahn Milano-Venezia. Die Sonne scheint wieder! Ein gutes Zeichen. Tatsächlich reicht die Provinz hier noch ein Stück nach Süden in eine Hügelkette hinein, die sich Colli Berici nennt. Sie liegen genau südlich von Vicenza. Eine Autostunde südlich von Bassano und dem Alpensüdrand. Infos über das Gebiet gibt es nur ganz vage im Internet.

Laut meinem Plan besitzen die Hügel genau vier Startplätze, davon Einen bei Brendola und drei im Val Liona rund um San Germano dei Berici:

Polveriera auf Nordost, Monte Lupia auf südliche und Cistorello auf westliche Richtungen.
Das Navi weist den Weg. Kurz vor dem Dorf bei einem Industriegebäude namens Tesla, sichten wir den Landeplatz. Kann man nicht verfehlen. Weiter geht es nach San Germano Richtung Kirche. Doch bereits vorher führt eine Straße steil den Hügel hinauf – beschildert zum Monte Lupia. Und richtig, ein Windsack steht oben an der Kante bei einem Kreuz und weht genau im perfekten Startwinkel.

Ohmeiohmei – Adrenalinschub ist angesagt! Der Druck auf das Gaspedal wächst. Eine Wagenladung voller Süchtiger im Rausch rast bergauf. Klar verfahren wir uns zunächst. Aber dann kann uns auch eine richtig raue Fahrpiste nicht mehr bremsen.

Am Kreuz stehen schon zwei alte Herren in Fliegeroveralls. „Tutto bene?“ frage ich freundlich. Oh ja, heute sei ein guter Tag, sagt Einer von Ihnen. Und es wäre am Nachmittag genau richtig. Schau mal, zeigt er, der Start liegt genau über der Talausrichtung und damit der Talbrise. Die „zündet“ ab zwei, manchmal auch erst ab drei so richtig. Vorher mache  es keinen Sinn.

Na, sage ich, dann hast du ja nichts dagegen, daß wir uns gleich in die Luft stürzen!? Si, prego Signore!
Während die Anderen sich fertigmachen und anstandslos davonstarten, unterhalte ich mich noch ein paar Minuten über die Gegend. Fremde, so höre ich, kommen hier selten her. Es gäbe wohl auch kaum Informationen. Dafür sei das hier ein wunderbares Flachlandgebiet und Piloten seien mit Schirm schon nach Rimini (!!!) und in die Alpen geflogen. Und zwar so im März und April, manchmal auch noch im Mai.
Ich kann einen Bart erwischen der mich schnurstracks auf 900 Meter bringt und das ist eine mehr als ordentliche Höhe bei einer Tallage von 40 Meter und einem Startplatz auf 260 Meter. Sofort fange ich an, das Val Liona nach Süden hin zu erkunden und erreiche den Hügel mit Cistorello, dem West-Start. Nach Osten schließen sich in der Ferne weitere Hügel an, die etwas markanter aufragen, so ähnlich wie Vulkanspitzen. Das sind die Colli Euganei, wird mir später erläutert. Der nördlichste von Ihnen ist ein frequentes Picknickziel an Wochenenden. Und besitzt je einen Drachen- und einen Gleitschirmstartplatz auf Südwest für Thermikflüge ab Februar.

Übrigens, einen guten Eindruck zum Monte Lupia erhält der Neugierige auf dieser kurzen Videosequenz http://www.youtube.com/watch?v=8iGX7_dL94Y – erflogen im Mai 2012 von einem italienischen Piloten.
Noch einmal komme ich ins Val Liona. Von Orgiano fahre ich hinauf zur großen Startwiese vor der Militäranlage Polveriera. Der Nordostwind steht stramm an und einige italienische Piloten warten schon. Es ist so ein Tag, wo du nichts machen kannst in den Alpen. Dann sollte man hierher kommen. Mario, ein Pilot vom Club hat es erwähnt. Um 15h läßt der Wind nach und wir starten. Er hat einen Omega und Vollverkleidung. Überhaupt sind Viele gekommen, die wohl richtig gute Ausrüstungen haben und das Gebiet sehr gut kennen. Trotz bedecktem Himmel steigen wir sofort mehrere hundert Meter. Besonders über dem Friedhof von Villa del Ferro herrscht so eine Art „Auferstehungsthermik“ – näher zum Herrn. Mit etwas mehr Sonne käme man durchaus davon Richtung

Abends geht es nach Padua. Ein bisschen Kultur muss sein. Im bekannten Café Pedrocchi spielt Jazz. Ansonsten gibt es genug an Gebäuden zu bestaunen aus der wechselhaften Geschichte dieser uralten Stadt, in welcher Livius geboren wurde und Galileo Galilei an der Uni lehrte.

Info

Anreise

Aus der Schweiz am Schnellsten über die Gotthardstrecke und das Tessin nach Milano und von dort weiter auf der A 4 Richtung Venedig bis Ausfahrt Montecchio.

Mit dem Zug: über Milano nach Vicenza. Von dort vom Busbahnhof gibt es Verbindungen Richtung Sossano mit Stopp in San Germano.

Mit dem Flieger:

Easyjet fliegt von Basel und Genf nach Venedig-Treviso; Darwin Air fliegt ebenfalls von Genf nach Venedig. Dies sind die günstigste Verbindungen aus der CH; weiter mit Mietauto.
Beste Jahreszeit: Februar – Mai  für Soaring und Strecke; ansonsten gutes Soaren in der Sommerbrise
Fluggebiete

Monte Lupia

Startplatz: Monte Croce, 265m, SSW-SE, mittel. Koordinaten: 45°24’441″N, 11°28’294″E. Steiler Wiesenhang unter dem Aussichtsplatz mit Kreuz.

Anfahrt: von der A 4 (Milano – Venzia) Ausfahrt Montecchio und über Brendola und Paderiva nach San Germano. Man biegt von der Straße Richtung Origiano / Sossano in den Ort ab, vorbei am LP, Koordinaten 45°24.165‘ N, 11°27.728‘ E –  beim Industriegebäude Tesla und weiter bis links steil eine Straße bergwärts abzweigt (beschildert: Monumento di San Antonio, Via Monte Lupia, man fährt bis links die Via Beggioni abzweigt, diese nochmals links bei Gabelung (civico 1) und nach 200m Erdweg und in einer Linkskurve mit Wiese parken. Die letzten 100m zu Fuß zum Startplatz.

Streckenflüge: Nach SE ans Meer bis vor Rimini 150km, nach N in die Südalpen (Schio, Bassano – 70-80km und weiter). Vieles noch unexploriert.

Startplatz: Cistorello, 320m, NW-SW, leicht-mittel, über Campolongo 3 km S von San Germano. Koordinaten: 45°22’49.18″N, 11°29’48.10″E. Anfahrt: wie oben, jedoch nicht nach San Germano links abbiegen, sondern noch durch Villa dell Ferro weiter und dort links ab nach Campolongo. In Campolongo am Hang hinauf Richtung Pozzolo und Barbarano. Sodann rechts auf Fahrweg hinauf zu einem Anwesen und
Startplatz: Villa del Ferro (Polveriera), 150m, NE-SE, leicht-mittel, an der ehemaligen Militärbasis,
Wetter

www.ilmeteo.it/meteo/San+Germano+dei+Berici

Club / Kontakt: Club Volo Berico, Tel. +39 348 7608379, www.colliberici.it

Unterkunft

Am Monte Lupia: Terra Acqua, www.terra-acqua.eu, email: terra8acqua1@gmail.com; Tel. +39 347 8027723, +39 338 3390226

Sonst diverse Agriturismo (Ferien auf dem Land) – beschildert.

Sonstiges:
Wanderweg durch die Colli Berici
Mountainbiken
Klettergebiet Lumignano
Besuch der Altstadt von Vicenza und Padua

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